Zwerg Nase's Profile - Rotten Tomatoes

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Rating History

Caligula
Caligula (1979)
7 years ago via Rotten Tomatoes

Der Begriff ?Skandalfilm? wird häufig herangezogen, wenn ein Machwerk zu seiner Zeit durch
provokante Bilder großes Aufsehen erregt. Der Skandaleffekt jedoch hält in der Regel nicht lange an,
die Zeiten ändern sich, was gestern noch skandalös erschien, ist heute ganz normal.
Ein Film des 20. Jahrhunderts jedoch ist und bleibt bis heute so provokant und abschreckend wie in
seinem Erscheinungsjahr: Der 1979er-Streifen Caligula des italienischen Regisseurs Tinto Brass wird
dem Käufer der DVD ? so es ihm gelingt, den in Deutschland indizierten Film zu erhalten ? auf dem
Cover zu Recht als ?Skandalfilm des Jahrhunderts? angepriesen.
Der Film ist ein ehrgeiziges Projekt von Bob Guccione, dem Gründer des Männermagazins Penthouse.
Sein Plan, einen monumentalen Historienfilm im Stile der Sandalenfilme der 50er- und 60er-Jahre zu
drehen, diesem jedoch explizite Sexszenen beizufügen, um damit für sein Magazin zu werben, war
ihm 22 Millionen Dollar Produktionskosten wert. Für das Drehbuch fand er den renommierten
amerikanischen Autor Gore Vidal, als Regisseur wurde der Italiener Tinto Brass angeheuert, der
wenige Jahre zuvor bereits mit ?Salon Kitty? erfolgreich Sex auf die Kinoleinwand gebracht hatte.
Vidal und Brass zerstritten sich jedoch, sodass Vidal aus dem Projekt ausstieg. In dessen Folge findet
sich in den Credits die ungewöhnliche Formulierung ?Adapted from an Original Screenplay by??. Die
Besetzung war stargespickt, es konnten die berühmten britischen Schauspieler Malcolm McDowell,
Helen Mirren und Peter O'Toole gewonnen werden. Kaum hatte Brass den Film jedoch zu Ende
gedreht, wurde er von Guccione entlassen, dieser übernahm die Post-Produktion auf eigene Faust,
drehte in den noch stehenden Sets mit seinen ?Penthouse Pets? zahlreiche pornographische Szenen
nach und schnitt diese in den Film. Brass selbst war am eigentlich Schnitt nicht mehr beteiligt.
Die Handlung des Films ist schnell zusammengefasst: Roms zweiter Kaiser Tiberius, von Syphilis
gezeichnet, sucht einen Nachfolger und bittet seinen Enkel Caligula zu sich nach Capri. Caligula wird
Zeuge von Tiberius perversen Ausschweifungen. Mit Hilfe des Prätorianerführers Macro tötet er den
Kaiser und lässt sich selbst krönen. Im Anschluss driftet der Caesar, der eine sexuelle Beziehung zu
seiner Schwester Drusilla pflegt, immer mehr in den Wahnsinn. Es kommt zu Gewalt- und
Sexexzessen, bis schließlich sein engster Vertrauter Longinus ihn ermorden lässt. Caligulas geistig
zurückgebliebener Onkel Claudius beerbt ihn als Kaiser.
Inwieweit der Film ursprünglich als ernsthaftes Sittenabbild der frühen Kaiserzeit geplant war,
darüber lässt sich nur spekulieren. Streitwürdig bleibt auch, ob ein Film über einen Kaiser, den uns
die Quellen ausnahmslos als verrückt, grausam und lasterhaft vorstellen, nicht tatsächlich
provokative Bilder braucht, die unsere Sittenvorstellungen strapazieren.
Unbestreitbar ist jedoch, dass Caligula kein guter Film ist. Er kränkelt an den beiden Schnitten, denen
er sich unterwerfen musste. Zum einen der eigentliche Schnitt in der Post-Produktion, während derer
Guccione die gedrehten Szenen ohne Absprache mit dem Regisseur aneinanderreihte und mit den
inhaltlich nicht relevanten nachgedrehten Szenen vermengte. Dies hat unverständliche
Szenenabfolgen und unpassende, verwirrende Schnitte zur Folge sowie vergrisselte Aufnahmen, die
von Brass wohl nur als Probebilder gedacht waren. Hauptdarsteller McDowell beschrieb die
Verwirrung im Nachhinein folgendermaßen: ?Es war absurd, die Bilder passten nicht mal, meistens.
Hier sieht man mich lächeln, vermutlich weil ich mein Pferd ansah, und im nächsten Moment
schneiden sie zu zwei Frauen, die Sex haben!?
Der zweite Schnitt wurde gänzlich unabhängig vom Filmteam durch den deutschen Vertreiber
durchgeführt, um in Deutschland (erfolglos) eine ?ab 18?-Freigabe zu erhalten. Die
herausgeschnittenen Szenen führen bei Publikum zu Irritationen und Missverständnissen. In anderen
Ländern wurde den unterschiedlichen Jugendschutzbestimmungen Rechnung getragen, sodass
Caligula Opfer eines regelrechten Wirrwarrs ist, weltweit existieren unzählige unterschiedliche
Versionen des Films.
Schauspielerisch bietet Caligula zwar wenig Höhepunkte, die renommierten Mimen spielen jedoch
solide, wenngleich ihre Dialoge platt bleiben.
Das größte Manko des Films liegt darin, dass dem Zuschauer bis zum Ende nicht klar wird, welchen
Zweck die grausamen Gewalt- und schonungslosen Erotikdarstellungen verfolgen. Brass und
Guccione provozieren mit explizierter Darstellung hetero- wie homosexuellen Geschlechtsverkehrs,
verstören mit Vergewaltigung und anderen Gewaltdarstellungen und widern an durch Inzest und
Zoophilie, um nur einige der Perversionen zu nennen, die hier auf Celluloid gebannt wurden. All diese
Darstellungen wirken umso unverständlicher, als da sie in eine Handlung integriert bleiben, die
scheinbar versucht, nur von provokanter Szene zu Szene zu springen. Eine charakterliche Entwicklung
sucht man hier vergeblich, genauso wie jegliche Form von Moral. Erwartet man von dieser
?Sittenstudie? eine moralische Hintergründigkeit, so bleibt der Film sie an jeder Stelle schuldig. Am
Ende bleibt der Zuschauer verstört zurück.
Auch Caligulas filmische Umsetzung weiß nicht zu überzeugen: Die Bühnenbilder sind opulent,
wirken jedoch zu konstruiert, das Bild ist oft unscharf und die Musik (vermutlich ebenfalls auf Brass?
ursprüngliche Filmideen zugeschrieben) wirkt meist fehl am Platz. Nur selten dringen für Brass
übliche Effekte hervor, wie etwa seine Vorliebe für den Einsatz von Spiegeln als optische Reizpunkte.
Wenngleich sich der Film streng an Suetons Biographie des Kaisers entlang orientiert, bildet er
dessen Darstellung jedoch unreflektiert ab. Zwar behauptet der Trailer, Caligula ?tells the truth as no
film ever did.? Caligulas Rezeption ist jedoch längst nicht mehr unbestritten. Doch auch wenn es dem
Film nur daran läge, die vorhandenen Gräuelgeschichten aufzuzählen, ist dies zu einseitig. Dem
Zuschauer bleibt unklar, inwieweit die Verwaltung eines Weltreiches unter den dargestellten
Umständen möglich gewesen sein soll.
Am Ende ist Caligula ? zwischen Historienepos und Porno ? weder ein guter Film noch gute Erotik.